Vorbilder befinden sich stetig im Wandel.

Früher waren es Eltern, Sänger, Politiker und Revoluzzer – heute sind es Blogger und YouTuber.
Wir fragten jojolimanoli, wie sie die Entwicklung der Vorbilderkultur erlebt hat.

Es gab da ein Erlebnis, bei dem ich feststellte, wie viel sich in Sachen „Vorbilderkultur“ in den Jahren seit meiner Kindheit/frühen Jugend geändert hat. Nicht, dass ich es vorher nicht gewusst habe. Aber: Seit diesem Erlebnis denke ich definitiv öfter und bewusster darüber nach.

Ich will mal ganz vorne anfangen.

Um dieses Erlebnis besser verstehen zu können, musst du vielleicht ein bisschen was über mich erfahren. Ich bin Jojo – das ist mein Spitzname seit der Kindheit. Eigentlich heiße ich Jessica und niemand weiß so recht, warum ich eigentlich Jojo genannt werde. Dennoch hat sich dieser Spitzname beständig gezeigt und begleitet mich treu seit der 5. Klasse.
Das ist eigentlich noch nicht die wichtige Information. Wichtiger ist: Ich bin 25 Jahre alt und studiere Lehramt für Gymnasien und Gesamtschulen. Ich bin jetzt fast fertig mit dem Studium. Seit meiner Kindheit hatte ich den festen Wunsch, Lehrerin zu werden, weil ich den Gedanken liebte, anderen etwas beizubringen, mein Wissen und meine Erfahrungen zu teilen. Mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich wirklich noch Lehrerin werden will. Aber dazu später mehr.

Ich habe eine Zeit lang (am Anfang meines Studiums) als Vertretungslehrerin an einer Schule gearbeitet. Dort bekam ich eine feste Klasse zugeordnet, für die ich eine Unterrichtsreihe zum Thema „Vorbilder“ planen sollte. Gesagt, getan. Lehrbuch aufgeschlagen, Ideen übernommen und rein in die Klasse. Ich sprach mit den Schülern über Vorbilder, ließ sie kleine Texte zu ihren Idolen schreiben. Dafür hatte ich einige Kategorien vorbereitet, die mir das Lehrbuch vorgeschlagen hatte: Eltern, Sänger/Schauspieler, Politiker. So typische Vorbilder halt. Dachte ich.

Schnell merkte ich jedoch, dass die Klasse und ich völlig aneinander vorbeiredeten. Eine neue Kategorie bildete sich und wurde von den Schülern mit Namen gefüllt, die ich zum Teil noch nie gehört hatte. „Das sind YouTuber“, erklärten mir die Schüler. Schlagartig fühlte ich mich uralt, dabei war ich doch erst Anfang 20 und der Altersunterschied zwischen mir und den Schülern der 7. Klasse gar nicht mal so unendlich groß. Bibisbeautypalace – der Name sagte mir etwas. Schließlich hatte ich auch schon mal Videos der kleinen quirligen Blondine auf YouTube gesehen. Wie erfolgreich sie seitdem geworden war – ich hatte keine Ahnung. Obendrein wäre ich niemals auf die Idee gekommen, jemand könne sie ernsthaft als „Vorbild“ bezeichnen, selbst wenn man ihre Frisuren-Tutorials total hilfreich findet. Na ja.

Ich schaffte es letztendlich, irgendwie die Kurve zu kriegen. Nach der Schule schaute ich mir die von den Schülern genannten Accounts an, um mitreden zu können. Wir tauschten uns aus – ich erzählte ihnen von meinen Vorbildern, zum Beispiel von J. K. Rowling und warum sie mit ihrer Zauberwelt meine Kindheit und Jugend stark beeinflusst hat. Die Schüler fanden das interessant, einige kannten sogar Harry Potter (zwar nur von den Filmen, aber immerhin). Wir kamen in einen Austausch, der für alle (mich eingeschlossen) ertragreich und erkenntnisreich war.

Das fühlte sich gut an – wie ein echter Austausch eben. Völlig gleichberechtigt und vorurteilsfrei. Das hatte ich nicht erwartet.

Vielleicht verstehst du, warum dieses Erlebnis für mich einschneidend war? Ich fand mich mit Anfang 20 in einer Situation wieder, von der ich nie glaubte, dass sie so schnell eintreffen würde: Ich war nicht mehr „up-to-date“. Ich hielt mich bis dato für sehr trendbewusst, für eine, die die „Sprache der Jugend“ spricht, für jemanden, der neuste Entwicklungen erkennt und mit ihnen geht. Mit diesem Klassenerlebnis war mein Selbstbild nun getrübt. War ich wirklich so „out“? Ich wollte wieder mitreden können, wollte dazu lernen. Die Welt, die die Schüler mir eröffnet hatten, war mir neu. Natürlich konsumierte auch ich YouTube, aber wie gesagt: Richtige Vorbilder verordnete ich immer noch so ganz woanders.

In den drauffolgenden Jahren vollzog sich eine Entwicklung, die mich rückblickend betrachtet immer noch in Staunen versetzt. Ich muss dir sicher nicht erklären, wie sich soziale Plattformen wie Instagram und YouTube (von allen anderen Plattformen ganz zu schweigen) in den letzten Jahren zu Werbeplattformen entwickelt haben und welche Möglichkeiten sich dadurch für Marken und Werbetreibende ergeben haben. Aber nicht nur für die: In den vergangenen Jahren ist es für das normale Mädchen von nebenan möglich geworden, über Nacht ein Star zu werden – und zwar ganz ohne, dass sie ein erstaunliches oder einzigartiges Talent besitzt. Es haben sich darüber hinaus nicht nur ganze Berufszweige aus dieser Entwicklung ergeben, sondern auch die Möglichkeit, mit Hilfe seines Notebooks oder Smartphones in eine Phantasiewelt einzutauchen, die einem als „reales Leben“ verkauft wird.

Die Geburtsstunde einer neuen Vorbilderkultur.

Und zwar generationsübergreifend. Denn das Nacheifern und Anhimmeln der sogenannten Social Media Stars oder „Influencer“ war inzwischen auch bei mir und meinen Freundinnen angekommen.

Und dann wurde ich gewissermaßen und im kleinstmöglichen Rahmen ein Teil von dieser Welt. Denn im Jahr 2016 gründete ich meinen Blog „Jolimanoli“ mit dem Ziel, meine Liebe zum Schreiben und zur Fotografie auszuleben. Aber nicht nur deshalb: Ich erschuf ihn und meinen Instagram-Kanal, weil mich der eben genannte Berufszweig, der sich aus den Entwicklungen in der Online-Welt ergab, so faszinierte, dass ich mir vorstellen konnte, mich beruflich in diese Richtung zu entwickeln. Auf einer professionellen Ebene. Ich wollte niemals Influencer im klassischen Sinn sein (nämlich als Werbepartner für Marken und Produkte), sondern wollte das alles aus Sicht der Werbetreibenden kennenlernen, das Prinzip verstehen, Kontakte knüpfen. Und ich wollte schreiben, meine eigene kleine Welt haben, Menschen mit meinen Gedanken inspirieren und mich in meiner Freizeit kreativ ausleben. Mit meinem Blog nutzte und nutze ich (immer noch) die Chance, mich über die neusten Entwicklungen auf dem Stand der Dinge zu halten.

Neben meinem Anspruch, möglichst viel von dieser „Welt“ zu verstehen, um mich auf professioneller Ebene damit beschäftigen zu können, bleibt nicht aus, dass ich hin und wieder die pädagogische Brille auspacke (die mein Lehramts-Studium mir dann doch überraschenderweise mitgegeben hat). Was ich sehe und feststelle, wenn ich mir das bunte Treiben auf Social Media so anschaue ist:

#1
Ja, „Influencer“, „YouTuber“ und „Blogger“ sind ernstzunehmende Vorbilder der Jugendlichen/jungen Erwachsenen.

#2
Dieses Verhalten bzw. diese Abhängigkeit wird viel zu oft negativ kritisiert und…

#3
…dabei wird viel zu wenig reflektiert, aufgeklärt und kategorisiert.

Vielleicht hast du jetzt gedacht, dass man diese „überaus gefährliche und schreckliche“ (Achtung: Ironie!) Entwicklung aus pädagogischer Sicht verteufeln muss, weil das ja alle „Erwachsenen“ so machen. Erst neulich habe ich wieder einen Bericht über die „neue Vorbilderkultur“ gesehen, in dem man ausdrücklich vor den sogenannten Influencern warnte, die Internet-Entwicklung an sich kritisierte und Eltern riet, ihre Kinder von Social Media und Co. fernzuhalten.

Mal ehrlich: Wann waren Verbote jemals die Lösung der Probleme?

Was mich an diesen Aussagen stört, ist nicht etwa die Kritik an Social Media und den „neuen Vorbildern“, denn die hat ja hier und da tatsächlich ihre Berechtigung. Aber schlechte Vorbilder hat es immer gegeben. Und: Es verbergen sich mehr „Gute“ in der Masse als man zunächst meinen möchte. Nämlich solche, die ihre Sache und ihre Rolle als „Vorbild“ echt gut machen. Was ich also viel viel wichtiger fände als eine ständige Ablehnung des Neuen und eine immerwährende Inakzeptanz jugendlicher Bewegungen ist die Vermittlung von übergeordneten Fähigkeiten wie Reflexions- und Urteilsvermögen.

Wieso um Himmels willen stecken so viele pädagogische Ansätze ihre Energien in Verbote und Warnungen? Warum wird nicht ernsthaft daran gearbeitet, junge Menschen zu mündigen Personen zu erziehen, die ihre eigene Persönlichkeit und ihr Handeln reflektieren können und sich in Folge dessen selbst Vorbilder suchen, die ihnen (wirklich) gut tun? Warum lassen Lehrpläne Schüler immer noch Erörterungen über Themen schreiben, die schon längst außerhalb ihres Horizontes liegen, weil sich ihre Interessengebiete mittlerweile vollständig verschoben haben? Warum reagieren Bildungssysteme so langsam auf bestehende Verhältnisse? Warum reagiert Bildung eigentlich so langsam auf alles?

Ich denke, ihr versteht, was ich meine. Und mein Erlebnis, das ich vor einigen Jahren hatte, verdeutlicht es umso mehr.
In die Verantwortung nehmen müssen wir nämlich nicht etwa nur die Jugendlichen, die sich ihre vermeintlich schlechten Vorbilder wählen, sondern uns selbst. Zunächst sollten wir verstehen und begreifen, was genau wir da eigentlich kritisieren. Und dann – ja, dann müssen wir es selbst einfach besser vormachen und gewissermaßen selbst zu den Vorbildern werden, die wir unseren Kindern wünschen. Das ist auch mein Anspruch.
Ganz egal, ob als Elternteil, Lehrer oder Politiker oder ob als YouTuber, Instagram-Star oder Blogger – die Zeiten, in denen man da eine klare Trennung machen konnte sind wohl eh längst vorbei.

Lasst uns zu Vorbildern werden, die sich die vernünftig aufgeklärte und reflektierende Jugend gerne auswählt.

Eure Jojo

 

Mehr von Jolimanoli erfahrt ihr auch in ihrem creative magazine!
http://jolimanoli.com/
 
 

 

 


 

CLASSY MAGAZIN
deine social media stars!
Wir publizieren wöchentlich Beiträge exklusiv für euch mit euren Lieblings Social Media Stars!
Gemeinsam möchten wir euch eure Stars noch einen Schritt näher bringen!
Wir gewähren euch exklusiv dezente Einblicke in die Privatsphäre deines Stars. Lassen Fanfragen unverblümt beantworten.
Drehen für euch Videos. Nehmen Podcasts auf. Reisen mit den Stars.
Und das beste ist, DU kannst bei allem hautnah dabei sein!
Es gibt Gewinnspiele von deinen Lieblingsmarken und Classy Magazin mit deinem Lieblingsstar!
Meet&Greets, wie es sie zuvor noch nie gegeben hat!

 

%d Bloggern gefällt das: